Vorwort
von Jan Štolba

Europa und Blues? Manchen kommt eine solche Verbindung gleichermaßen absurd vor wie Schnitzel mit Schlagsahne, Eiffelturm an der Themse oder wie Schlaflied für Bassgitarre und Schlagzeug.
Der Purist hat Recht: ursprünglich entstand Blues als Musik der schwarzen Afrikaner, verschleppt auf die Plantagen Amerikas.
Das wissen wir alle aus der Schule. Nur, dass der Blues in hundertfünfzig Jahren seines Bestehens schließlich Triumphe feierte, und aus der Musik der Sklaven ein Genre gewachsen ist, das die Welt eroberte. Weil Blues aus etwas vorrangig Humanem hervorging. Man sagt "primal scream" dazu, Lamento aus der Tiefe der Seele, allen Menschen aus weit entfernten Ecken der Welt und verschiedener Hautfarbe verständlich.
Man kann sagen: was hat ein Land, wie Tschechien, das der Welt einen guten Soldat Schweik und die Dorfidylle, unnachahmlich verewigt von Josef Lada, gegeben hat, gemeinsam mit Blues? Und was hat Deutschland mit seinen Genies von Goethe bis Bismarck damit gemeinsam? Darin liegt eben die Faszination: der Blues nimmt nämlich keine Rücksicht auf kulturelle Grenzen und schlägt die Wurzeln überall.
 
Jan Štolba, Prag 2009

In dem Fassbinder-Film "Die Sehnsucht der Veronika Voss" gibt es eine grandiose Szene: die Hauptdarstellerin liegt allein im Sterben, verschlossen in dem sterilen weißen Kämmerchen eines suspekten Verbesserungs-"Sanatoriums", während von draußen das Geläut der Glocken eindringt.
Der Regisseur mischt mit genialer Intuition den Klang der Glocken mit einer Blues-Country-Gitarre, die aus dem Radio erklingt...
Das himmlische Heiligtum der Glocken mischt sich mit irdisch menschlichem "heiligem" Jodeln. Der Himmel ist weit offen,jeder kann eintreten.

Berlin und Prag. In den unlängst vergangenen Zeiten teilte die Mauer Berlin in zwei Welten. Prag befand sich ganz jenseits der undurchlässigen Grenze, eine Chimäre der verbotenen Welt. Irgendwo jenseits "der Mauer", in der damaligen Tschechoslowakei, potenzierte sie die Anziehungskraft des Jazz und Blues. Während des Beatfiebers in den Sechzigern starteten charakteristische Bluesmänner wie Vladimír Mišík, Michal Prokop, Luboš Andršt. Die russische Invasion 1968 bereitete den freien Sechzigern ein jähes Ende. Aber der Hunger nach der freien Musik blieb. Aus dem Multi-Genre-Festival "Prager Jazztage" wurde eine Manifestation der Freiheit, jedoch von den Kommunisten bald verboten. So lange es ging, spielten die Kapellen weiter, nicht selten am Rande der Legalität. Rund um Persönlichkeiten wie Petr Kalandra oder auch Blueskapellen wie "Bluesberry" entstand eine ganze Subkultur, wo sich die Menschen nichts lange erklären mussten. Es genügte, sich nach dem Konzert zu treffen.
Und eine undenkbare Sache: die Bluesmänner fingen an, den Blues auf Tschechisch zu singen, in einer eher mütterlich weichen und geschmeidigeren Sprache als in der rhythmisch rasanten. Die Verbindung der amerikanischen Musik mit den tschechischen Realien mag absurd klingen, aber gerade darum ging es. Aus dem "Špejchar Blues", in dem über eine beliebte Straßenbahnschleife gesungen wird, an der Bier bis spät in die Morgenstunden ausgeschenkt wurde, ist ein legendärer Song geworden. Aus den Musikern sind Legenden geworden, man erinnert sich an die geflüchteten Saxophonisten Jan Kubík und Joe Kučera, letzterer ist bis Westberlin gekommen. Manche waren freilich weniger glücklich: der Frontmann der Bluesberrys Petar Introvič hat seinen späteren Fluchtversuch mit Gefängnisaufenthalt bezahlt.

Auf der anderen Seite Berlin, die geteilte Stadt. In dem seltsamen FDJ-gebundenen, bangen Ostberlin ist sich damals ein Tscheche ein bisschen wie ein "Wessi" vorgekommen. Und gleich hinter der Mauer pulsierte ein anderer Planet. Die künstliche Existenz Westberlins prägte diesem Teil der Stadt eine kosmopolitische Note auf, von der das heutige Berlin immer noch zehrt. Die Musiker mischten die verschiedenen Stile, man konnte den Perser Mohammad Tahmasebi mit seinem Dombak sehen, den Blues baute auch ein Junge aus Ceylon, Ramesh Weeratunga, in seine Kompositionen ein.

Ab den Siebzigern verzaubert der amerikanische Sänger und Gitarrist Jesse Ballard die Berliner Enklave und reißt sicherlich auf dem diesjährigen Blues Train Festival auch das Prager Publikum mit. Einer von Jesses beharrlichsten Musikpartnern ist der Berliner Tscheche Joe Kučera. Jesse aus Kalifornien, Joe aus Prag. Obwohl der Erstere
mit Bob Dylan und den Eagles und der Zweite mit Jazz und Swing groß geworden ist, hat beide schicksalsmäßig der Größte Bluesmann geprägt, Ray Charles. In dem Duo verbinden sich die Züge der West Coast Musik mit der slawischen Melodik, Bluesgitarre mit Gesang, mit verträumtem, andermal "erbostem" Sopransaxophon. Aber ohne die Unterstützung des Blues könnte ihre Musik vielleicht nicht existieren.
Die Menschen verbindet eine universelle Sprache: die Musik. Aber auch die Musik ist Turmbau zu Babel und in dem bunten Chaos der Sprachen hat der Blues eine herausragende Stellung. Obwohl er aus geheimer Tiefe entspringt, ist er einfach und verständlich.
Mit dem Blues sind wir stets unterwegs - und dennoch längst zu Hause. Nichts müssen wir lang erklären. In London suchen wir nicht nach dem Eiffelturm und in Prag nicht nach dem Schnitzel mit Schlagsahne. Und wenn wir jemanden hören, der richtig Blues spielt und fühlt, fragen wir nicht, woher dieser Mensch kommt. Es genügt, sich in Rhythmen zu wiegen und sich ins Unbekannte, was uns so unterbewusst ist, entführen zu lassen.

Jan Štolba ist ein bedeutender tschechischer Poet und Literatur-Kritiker, aber auch ein hervorragender Tenorsaxophonist und Komponist im Bereich der Jazz-Musik.

Ins Deutsche übersetzt: Ivana Daubová

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